Yongi: oder die Kunst, einen Toast zu essen

Katrin Wolf (filia) im Gespräch mit der Autorin Young-Nam Lee-Schmidt zum Tag der MigrantInnen

index„Ich wurde im Jahre 1952 nahe der alten Königstadt Kongju als jüngstes Kind einer typischen Kleinbauernfamilie geboren. Meine Eltern arbeiteten täglich hart auf dem Feld und meine Mutter musste zusätzlich die kärglichen Erträge auf dem Wochenmarkt verkaufen. Bauern sind eben in der koreanischen Gesellschaft bis heute in dem sozialen Gefüge ganz unten angesiedelt und mein Vater hatte zusätzlich das »Pech«, vier Töchter und nur einen Sohn zu haben, denn Mädchen galten als große Belastung für die Familie, weil nur ein Sohn für die spätere Versorgung der Eltern sorgen konnte. So die damalige Einstellung. Entsprechend hat mein Vater mich nach meiner Geburt auch erst im darauffolgenden Jahr beim Standesamt angemeldet, so dass mein Geburtsdatum auf 1953 lautet.

Auch einen richtigen Namen gab man uns Mädchen damals nicht. »Yongi«, wie man mich meist rief, war eher etwas Allgemeines, kein wirklich persönlicher Name. So wurde ich bis zur Schulzeit immer auch mit dem Namen meiner Schwester gerufen. Immer wurde unser Bruder bevorzugt. Er bekam mehr Essen, bessere Kleidung und wurde auch sonst stets besser behandelt. Ich habe dies im Gegensatz zu meinen Schwestern schon als Kind gehasst und als sehr ungerecht empfunden. Auch die niedrige soziale Stellung meiner Eltern mit sehr viel Arbeit und sehr schlechter Bezahlung machte mich äußerst unzufrieden.

Ich schwor mir: So habe ich mir meine Schulbildung auf der höheren Schule und später das Studium zur Krankenschwester gegen den Widerstand meines Vaters erkämpft. Nichts konnte mich von meinem Traum von einem besseren Leben abbringen.

Schon frühzeitig beschloss ich daher aus dieser Lage auszubrechen und gegen diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen.

Am 13.11.1974 kam ich zusammen mit weiteren 155 koreanischen Krankenschwestern, alle Anfang 20, in Deutschland an.
Wir landeten auf dem Flughafen Köln-Bonn, wurden ganz herzlich begrüßt und nach einem einmonatigen Einführungskursus schließlich in ganz Deutschland auf verschiedene Krankenhäuser verteilt.

In den Medien wurden wir als hart und fleißig arbeitende »Engel mit den Mandelaugen aus Korea« immer sehr gelobt, weil wir so »freundlich und fleißig« waren.

Zunehmend genossen wir auch die neuen Freiheiten, welche sich in unserem Gastland boten, an die wir in unserer Heimat nicht einmal hätten denken können:
Schwimmen gehen, Fahrrad fahren, Ski fahren, Auto fahren, Reisen etc.

Meine Seele wurde von einer »eisernen Kette« befreit.

Auch die vielen Kunst- und Kulturangebote haben mich regelrecht begeistert und meinen Geist angeregt. Ich habe einen ganz neuen Lebensmut gefunden. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen und fortschrittlich zu denken. Das neue Leben hat mir Mut und Kraft gegeben und mir eine ganz neue Welt eröffnet.

Ich habe gelernt, dass mir die Integration in die deutsche Gesellschaft ganz neue Chancen und Perspektiven eröffnet. Auch das Erlebnis der grenzenlosen Freiheit, welches wir in Korea nie gekannt hatten, hat mich sehr geprägt.

Es wäre schön, wenn ich dieses Lebensgefühl an künftige Ausländergenerationen übermitteln könnte.“

Dienstag, 18. Dezember 2018, 19.30 Uhr