Stellungnahme zum Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch

Nachtrag (14.5.2017):

FrauenmarschDa war noch alles gut: Begrüßung zum Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch hinter dem Motto der Veranstaltung: „Offene Tore – offene Herzen“. Dann ging es in überschaubarer Runde um die Binnenalster, am Ende dann sogar über die Mönckebergstraße und dann zurück auf den Rathausmarkt.

Auf der Schlusskundgebung passierte es dann: Die Veranstalterin rief in die „Menge“, ob sie nicht doch Necla Kelek hören wolle. Und so geschah es. Gegen alle Absprachen zu einem mühsam abgerungenen Kompromiss, um ein breites Bündnis wieder möglich zu machen, trat diese auf die Bühne und hielt ihre Rede.

Das war ein (zweiter) eklatanter Vertrauensbruch! Wir DENKtRÄUMErinnnen haben daraufhin sofort unsere Sachen gepackt und haben die Veranstaltung unter Protest verlassen. Und wir entziehen hiermit – sozusagen nachträglich – unsere Unterstützung des Frauen- und MigrantInnenmarsches, so ist keine Zusammenarbeit möglich!

12.5.2017:

Hier findet ihr die Stellungnahme des Hamburger Landesfrauenrats Hamburg, der wir uns anschließen. Auch wir haben lange Diskussionen geführt und uns – mit großen Zweifeln – dennoch entschlossen, die Demonstration weiterhin zu unterstützen. Es geht uns darum, das trotz allem Gemeinsame aufrechtzuerhalten, wünschen uns aber sehr, die begonnene Diskussion um eine „antirassistische, plurale und tolerante Gesellschaft“ mit allen Beteiligten weiterzuführen. Wir bedauern sehr, dass durch die nachträgliche und nicht abgesprochene Veränderung seitens der Kulturbrücke die Basis der Veranstaltung („Weltoffenheit, Selbstbestimmung, Menschlichkeit, gegenseitiger Respekt, Frieden, Freiheit und Demokratie“) nachhaltig erschüttert worden ist.

Außerdem findet ihr auf dieser Seite die Stellungnahme der Kulturbrücke Hamburg sowie das Statement verschiedener Initiativen, die sich von dem Frauen- und MigrantInnenmarsch distanzieren, dessen Inhalte wir in vielen Punkten teilen, aber – wie gesagt – dennoch eine andere Entscheidung getroffen haben.

 

Landesfrauenrat Hamburg: Stellungnahme zum Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch

Der Landesfrauenrat unterstützt weiterhin den 1. Hamburger Frauenmarsch, zu dem wir alle Menschen recht herzlich einladen.

Es gab Irritationen zur Auswahl der Rednerinnen und ein Statement zum Thema Kopftuch, das vorübergehend auf der Webseite des Frauenmarsches zu lesen war. In der Zwischenzeit wurde dieses entfernt, ein Beschluss gefasst, dass es keine Redebeiträge geben wird und eine offizielle Stellungnahme von der Kulturbrücke veröffentlicht.

Der Landesfrauenrat Hamburg wird als Ausstellerin am Samstag dabei sein, weil wir die Idee, gemeinsam gegen jede Form von Frauenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus und für mehr Weltoffenheit und gegenseitigen Respekt auf die Straße zu gehen, richtig und wichtig finden.

Die letzten Tage, in denen wir intensive Gespräche mit den verschiedensten Institutionen und Personen geführt haben, zeigen uns, dass ein Dialog in diesen Zeiten sehr wichtig und unbedingt notwendig ist. Diesen Dialog werden wir fortsetzen.

Kulturbrücke Hamburg e.. V.: Stellungnahme zum Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch

Die Kulturbrücke Hamburg e. V. distanziert sich von der Diskussion zum Thema des Kopftuches auf unserem Marsch am Sa. 13. Mai 2017.

In dem Artikel im Hamburger Abendblatt wurde die Kopftuchdiskussion als Hauptanliegen der Demonstration dargestellt. Frau Pourkian sprach über ihre persönlichen Ansichten als Privatperson, die sich nicht zwangsläufig mit denen der Vereine und Mitaussteller decken.

Kritisiert wurden lediglich die Umstände des Druckes und des Zwanges, unter denen einige Frauen das Kopftuch anlegen, um in Ruhe gelassen zu werden oder dazu gezwungen werden.

Das Kopftuch als ein freiwillig getragenes Zeichen religiöser und kultureller Zugehörigkeit zu tragen, ist das Recht und die Freiheit jeder erwachsenen Frau. Jede Frau, egal ob mit Kopftuch oder ohne, und jeder Mann sind herzlich eingeladen, am kommenden Samstag mit uns für Frieden, Freiheit und Demokratie einzustehen.

Das Hauptanliegen des Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsches ist und bleibt es, Brücken zu bauen, sich auszutauschen und kulturelle Gemeinsamkeiten zu feiern.

Statement: Distanzierung vom Frauen- und MigrantInnenmarsch am 13. Mai 2017 in Hamburg

Wir Unterzeichnenden dieses Statements stehen ein für eine Welt, in der alle Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität, kultureller und sozialer Herkunft, Glaube, Alter, sozialem Status, Beeinträchtigung und sexueller Orientierung uneingeschränkt gleichberechtigt zusammenleben. Für eine Welt ohne Sexismus, sexualisierte Gewalt und Rassismus. Für die Erhaltung unserer demokratischen Grundwerte und eine Gesellschaft, die das Wohl aller im Blick hat.

Deshalb hatten viele von uns selbstverständlich unsere Unterstützung für den »Hamburger Frauen und MigrantInnenmarsch« zugesagt, um »[…] mit offenen Herzen, gemeinsam Hand in Hand um die Binnenalster zu marschieren.«➊
Das am 12.04.2017 vorgelegte Konzept dieser Veranstaltung beinhaltete die Kernthemen Weltoffenheit, Selbstbestimmung, Menschlichkeit, gegenseitiger Respekt, Frieden, Freiheit und Demokratie. Das Rahmenprogramm des Tages rief zur Feier der »Vielfalt der Menschen und Kulturen« auf.➋ All dies sind Werte, mit denen wir uns verbunden fühlen und uns solidarisch zeigen wollten.

Am Donnerstag, dem 04.05.2017, mussten viele der involvierten Unterzeichnenden leider umso überraschter feststellen, dass das von ihnen unterzeichnete Konzept und Programm nachträglich und ohne Absprache gravierend geändert worden ist. Ohne ihr Wissen und Zutun, wurde die Philosophie der Veranstaltung in eine Haltung verdreht, mit der wir uns eindeutig nicht identifizieren können und die zudem klar unseren Prinzipien widerspricht.

Folgende Passage wurde auf der Frauenmarsch-Webseite unter »Die Idee« hinzugefügt und mittlerweile wieder entfernt (Stand 06.05.2017)➌:

»Wir wollen Frauen, die aus Angst ein Kopftuch tragen, aufklären. Wir sind der Meinung, dass Verschleierung ein Symbol der Ausgrenzung — in allen ihren Formen sind, vorallem für die Mädchen, die nicht volljährig sind. Wir glauben, dass Emanzipation und Feminismus nicht mit einem Kopftuch vereinbar ist. Kopftuch ist nichts islamisches. Es ist ein historisches Produkt der Patriarchalen Gesellschaft, um Frauen zu kontrollieren. Viele entscheiden sich für das Kopftuch, um in Ruhe gelassen zu werden.«

In einem bevormundenden, belehrenden Ton entmündigt der Veranstalter kopftuchtragende Frauen, generalisieren und stigmatisieren diese. Ganz klar: Diese Haltung widerspricht unseren Grundlagen eines toleranten und pluralen Miteinanders in einer offenen, zugewandten Gesellschaft und unserem Anspruch auf Intersektionalität➍.

Besonders besorgniserregend und erschreckend ist das gesamte Vorgehen: Ohne die unterstützenden Organisationen, von denen sich viele als klar antirassistisch und interreligiös positionieren, zu informieren, wurde dieser intoleranten Haltung eine prominente Bühne im Namen aller geboten.

Als wäre mit diesem Vorgehen nicht schon ein Vertrauensbruch erreicht, mussten wir ebenfalls feststellen, dass beim Frauen- und MigrantInnenmarsch am 13. Mai wissenschaftlich wie politisch umstrittene Personen wie Necla Kelek eine Bühne geboten bekommen — eine prominente Vertreterin von anti-islamischen Weltanschauungen. Necla Kelek ist unter anderem für ihre Unterstützung von Thilo Sarrazins rassistischen Einwanderungs-Thesen bekannt, hat sich diskriminierend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Sexualität von muslimischen Männern geäußert➎ und sorgt mit pseudo-wissenschaftlichem Populismus eher für Desintegration.

Wir distanzieren uns ausdrücklich nicht nur von der inzwischen von der Webseite entfernten Formulierung➏, sondern auch von den anfangs als Rednerinnen eingeladenen Personen➐ bzw. von den mit ihnen verbundenen Weltanschauungen und von dem Marsch als solchem.

Zudem fordern wir eine [noch nicht erfolgte] Stellungnahme der veranstaltenden Organisation und wünschen uns eine klare Distanzierung aller, die für eine antirassistische, plurale und tolerante Gesellschaft einstehen.

(Hamburg, 10.05.2017)


Das Statement wurde verfasst von den Organisator*innen des Sisters’ March und der SCHURA.
Unten folgt eine Liste diverser Initiativen, die in den vergangenen Tagen unterzeichnet haben. Wenn auch Sie und ihre Organisation dieses Statement unterstützen möchten, kontaktieren Sie uns bitte. Diese Liste wird zweimal täglich aktualisiert (bis Samstag, 15 Uhr). Wir übernehmen keine Verantwortung für die unterzeichnenden Organisationen und repräsentieren diese nicht.

Unterzeichnet von:
Sisters’ March
SCHURA — Rat Islamischer Gemeinschaften in Hamburg e.V.
Trust The Girls
Der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg e.V.
Jüdische Gemeinde Pinneberg
Integrationspunkt Hamburg IPV gemeinnützige UG
Multikulti Werkstatt e.V.
Stiftung Wohnbrücke Hamburg
Islamische Religionsgemeinschaft DITIB Hamburg und Schleswig-Holstein e.V.
Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.
Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen (BHFI)
Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation
Das interreligiöse Frauennetzwerk Hamburg
Christine Ebeling, Gängeviertel
Junge Islam Konferenz Hamburg (JIK)
Aktivist*innen von Refugees Welcome Karoviertel
BIG Bündnis Islamischer Gemeinden in Norddeutschland e.V.
Muslimische Frauengemeinschaft in Norddeutschland e.V.
Sisters united e.V.
Liberal-Islamischer Bund — Gemeinde Hamburg
Initiative Harburger Muslime
Deutsch-Ahwazischer Kultur Verein
Hazara Kultur Verein e.V. Hamburg
Bildungs- und Beratungskarawane e.V.


Fußnoten
➊ Zitat aus der Anfrage, die wir am 12.04.2017 von der Kulturbrücke Hamburg als E-Mail erhalten haben
➋ Pressemitteilung, Kulturbrücke April 2017
➌ Screenshots durch mehrere Personen liegen uns vor und können auf Nachfrage verschickt werden.
➍ Soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Religion, Nation oder Klasse sollen nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden.
➎ https://www.youtube.com/watch?v=kYWA-INbTSE Im Interview mit dem ZDF »Forum am Freitag« (ursprünglich publiziert am 16.07.2010): »Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig (…) herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen (…) — und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier…«
➏ am 05.05.2017 von der Frauenmarsch-Webseite entfernt
➐ Als Rednerin ist unter anderem auch Zana Ramadani aufgeführt. In ihrem Buch »Die verschleierte Gefahr« schreibt sie: »Das Kopftuch ist das Leichentuch der freien Gesellschaft”. Pauschalisierende Äußerungen, wie »Eine muslimische Frau, die ein Kopftuch trägt, erhebt sich über andere. Sie sagt damit: Ich bin etwas Besseres als Du.« zeugen von einer Haltung, die unserer Vorstellung von Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt widerspricht. Siehe hierzu auch: https://www.welt.de/vermischtes/article163576969/Zana-Ramadani-glaubt-das-Problem-muslimischer-Maenner-zu-kennen.html

 

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