Frauenbewegung

fgbs_frauenbewegung„Feminismus hat es natürlich nicht erst seit dem 20. Jahrhundert gegeben, sondern über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg. Inzwischen gibt es ja eine große Fülle von Arbeiten aus dem Bereich der Frauengeschichte, sehr viele vergessene Frauen sind inzwischen erforscht worden, und die Historikerinnen haben diese Wellenbewegungen der Frauenbewegung auch in der Vergangenheit wieder gefunden. Große feministische Wellen waren etwa die Beginen im 13. und 14. Jahrhundert in Europa, aber natürlich auch die Frauen der Aufklärung, deren Namen und inzwischen geläufig sind, wie Mary Wollstonecraft oder Olympe de Gouges.“ (Antje Schrupp – Landkarten des Feminismus. Ein schöner Überblick findet sich auch in ihrem Artikel Feminismus und Frauenbewegung heute)

„Die Frauenbewegung als politische Bewegung für Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen entstand im frühen 19. Jahrhundert in den USA im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen Amerikaner. Auch in Europa fasste sie, ausgehend von den Suffragetten in England, die sich mit Hungerstreiks und machtvollen Demonstrationen für das Frauenwahlrecht einsetzten, bald Fuß.

Mit der Märzrevolution 1848 setzte auch in Deutschland der Kampf um gleiche Rechte für Frauen ein, der an vielen Fronten und mittels autonomer Vereine und vielfältiger medialer Präsenz (Flugschriften und eigene Zeitungen) gefochten wurde und dem im Zuge der Novemberrevolution 1918 ein erster Erfolg – das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen – beschieden war. Diese Phase wird in Deutschland als Erste Welle als Erste (oder Alte) Frauenbewegung bezeichnete, die sich ihrerseits in bürgerliche und sozialistische Flügel teilte.

In den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich, u.a. in Zusammenhang mit der Studentenbewegung von 1968, die Zweite Welle oder Neue Frauenbewegung. Aus dieser Bewegung, die sich zunächst auf der Straße, in Demonstrationen und zivilgesellschaftlichem Widerstand äußerte,

Eine tolle Plakatsammlung aus der (autonomen) FrauenLesbenTrans*Bewegung gibt es übrigens HIER zu finden.

entstanden zahlreiche Frauenprojekte, die letztlich zu einer Verstetigung (Institutionalisierung) der Bewegung führten. Frauenhäuser und -notrufe gegen Gewalt an Frauen, Frauenverlage, -buchläden und Frauenbibliotheken sowie die Frauenforschung an den Universitäten, um den Wissensdurst zu stillen, Frauentherapie- und -gesundheitszentren für Körper und Seele wurden engagiert aufgebaut und mit z.T. öffentlicher Förderung betrieben. Frauenbeauftragte und Gleichstellungsstellen, Landesgleichstellungsgesetze, das Gewaltschutzgesetz (2002) und die verbindliche EU-Strategie des Gender Mainstreaming waren weitere bleibende Erfolge dieser Zweiten Welle. (Text aus: FrauenGenderBibliothek Saar)

„In den 1990er Jahren entwickelte sich in den USA eine Dritte Welle der Frauenbewegung. Sie war vor allem eine Reaktion auf einen populären Antifeminismus und auf die Ansicht, dass Feminismus obsolet sei, weil er alle Ziele erreicht hätte. Die Bezeichnung „dritte Welle“ (third-wave feminism) kam in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auf und geht zurück auf Rebecca Walker, die einige Jahre später (1997) Mitbegründerin der Third Wave Foundation war.

Die Dritte Welle des Feminismus orientiert sich sehr stark an den Zielen der zweiten Phase, die sie auch heute noch nicht verwirklicht sieht. Angebliche oder tatsächliche Fehler des radikalen und kulturellen Feminismus der zweiten Welle, wie z. B. Ethnozentrismus und (teilweiser) Ausschluss der Männer, sollen korrigiert und der Feminismus den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden. Darüber hinaus geht es um das Infragestellen problematischer Identitätskonzepte, von Geschlechtsidentität und Sexualität.

Es ist vor allem ein Generationenwechsel. Feminismus hatte unter der jungen Generation einen schlechten Ruf, galt als hausbacken und „uncool“. Andererseits sehen viele junge Frauen eine Gleichberechtigung der Geschlechter noch keineswegs verwirklicht. So entstanden u. a. die Riot Grrrls in den USA aus einem Punk-Kontext. Elemente der Riot-Grrrl-Bewegung wurden auch in Deutschland aufgegriffen. Die jungen Feministinnen der dritten Welle arbeiten vor allem mit dem Internet und zielorientiert in Projekten und Netzwerken mit feministischer Ausrichtung, z. B. in der Third Wave Foundation (USA) bzw. mit konkreten Projekten wie etwa Ladyfesten. Durch die Aneignung von Internetmedien vernetzen sich Frauen und Frauenorganisationen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg; bilden translokale Netzwerke, durch die sie sich in ihrer lokalen Arbeit und Anliegen unterstützen und gemeinsam Advokatinnenpolitik betreiben.“ (aus: Wikipedia)

„Einige gemeinsame Punkte, an denen sich die neuen Schwerpunktsetzungen festmachen lassen.

  • Die Ablehnung einer Dichotomie von Frauen und Männern. Third Wavers verstehen die Debatten um sexuelle Differenz weniger als eine Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen, denn als kulturelles, diskursiv hergestelltes Phänomen. Eine wichtige Rolle spielte hierbei das Buch »Gender Trouble« von Judith Butler, 1990 erschienen, indem sie die Unterscheidung von sex und gender, also biologischem und sozialem Geschlecht hinterfragt, das für die Analyse des »Second Wave-Feminism« tragend war. Wobei allerdings Judith Butler in den USA nicht die Ikone ist, zu der sie große Teile des deutschen akademischen Feminismus sie gemacht haben, sondern sie wird dort auch sehr kritisch gesehen und hinterfragt, ihre Arbeit ist sozusagen nicht der Weisheit letzter Schluss, der nur noch verstanden und interpretiert werden muss, sondern eher Ausgangspunkt für Weiterdenkende Theorien, die die üblichen Gewissheiten von Mannsein und Frausein in Frage stellen.
  • Die engere Zusammenbindung zwischen verschiedenen »Identitätspolitiken«. Für Third Wavers ist das Mann-Frau-Thema eines, das untrennbar mit anderen Identitätspolitiken verknüpft ist, also Hautfarbe, Ethnizität, Homosexualität. Das Stichwort hierbei ist »Queer Politics«, also der Wunsch, aus all diesen Zuschreibungen auszubrechen, mit ihnen zu spielen, sich nicht festlegen zu lassen. Sie richten sich mit ihren Aktionen nicht an Frauen, sondern vor allem auch an »Transgender«-Aktivisten oder, wie der Slogan der Organisatorinnen der so genannten »Ladyfeste«: »Whatever your gender may be, if you feel like a Lady, be part of the Ladyfest«
  • Scharfe Kritik an der Weißen-Mittelschichts-Dominanz von Teilen der »zweiten Welle«. Maßgebliche Aktivistinnen der »Dritten Welle« sind Afroamerikanerinnen, Latinas, Native Americans und »postkoloniale« Theorien spielen eine große Rolle.
  • Die Skepsis gegenüber traditionellen Formen der Politik. Third Wavers sind weniger davon überzeugt, dass politischer Aktionismus auf Parteien, Vereine, Organisationen stützen sollte, sondern sie bevorzugen lockere Formen der Vernetzung und verstehen Politik vor allem als kulturelles Phänomen. Hintergrund ist die Erfahrung, dass auch die Gleichstellungspolitik und Staatsfeminismus manche Probleme nicht lösen können, etwa Gewalt gegen Frauen oder die Unvereinbarkeit von Fürsorge und Karriere, und dass deshalb nicht nur Gesetze geändert werden müssen, sondern vor allem kulturelle Bilder sich wandeln müssen. Eine große Rolle spielt dabei die Nutzung des Internet. Und sie agieren stärker im Bereich von Kultur und Medien, von Kunst, Literatur – wie zum Beispiel die »Riot Grrls«, eine ebenfalls in den 1990er Jahren entstandene Punk-feministische Bewegung.
  • Die Skepsis gegenüber festen Inhalten und jeder Art von Dogma. Third Wavers sehen viele Dinge ambivalenter – sie können zum Beispiel das Frauenbild in bestimmten Fernsehserien gleichzeitig kritisieren und dennoch Fans dieser Serien sein. Sie kritisieren scharf diejenigen Feministinnen, die auf alles eine einfache Entweder/Oder-Lösung haben, und zwar weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht funktioniert. Die »Du kannst alles«-Erwartungshaltung bewirkt, dass man auf Sexismus nicht vorbereitet ist und gedemütigt, wenn es »doch passiert«.
  • Der Wunsch, mit der eigenen Weltgestaltung ernst genommen zu werden. Z.B. Rebecca Traitler in der taz (vom 24.5.2008): Sie will weder von den Männern gefragt werden, ob sie nur deshalb für Hillary stimmt, weil die eine Frau ist, noch will sie von älteren Feministinnen dazu aufgefordert werden, für Hillary zu stimmen, nur weil die eine Frau ist.“ (Antje Schrupp)

Und manche sagen, es gebe heute bereits eine vierte Welle des Feminismus, getragen von den jungen Frauen, denen, die heute so um die 20 sind, und die schon in Zeiten völliger Gleichberechtigung aufgewachsen sind. Die „Vierte Welle“ des Feminismus fordert, dass Frauen ihren Lebensentwurf frei wählen dürfen, auch wenn er von tradierten feministischen Entwürfen abweicht.

Dass es innerhalb dieser „Wellenschläge“ auch entscheidende Differenzen gibt, beschreibt die Feministin Antje Schrupp im Folgenden:

„Eine weitere wichtige Landkarte der feministischen Theorien ist eine, die wirklich auch im engeren Sinne des Wortes eine Landkarte ist, und die vor allem seit der einflussreichen Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 wichtig geworden ist, nämlich die Aufmerksamkeit dafür, dass in verschiedenen Ländern, Erdteilen und Kulturen sich jeweils auch unterschiedliche Weisen des Feminismus herausbilden. Es ist eine Landkarte, die die Dominanz westlicher Feministinnen und ihrer Themen und Theorien infrage stellt, und darauf hinweist, dass es Bewegungen von Frauen für mehr weibliche Freiheit nicht nur in westlich emanzipierten Ländern gibt, sondern überall auf der Welt. Dass es afrikanische Feministinnen gibt, muslimische Feministinnen, auch innerhalb Europas gibt es sehr viele unterschiedliche Feminismen – vom skandinavischen Staatsfeminismus bis zum mediterranen eher anarchistischen Feminismus.

Nachdem man eine Weile mit dieser Landkarte gearbeitet hatte, stellte sich heraus, dass die Sache in Wirklichkeit noch viel komplizierter ist. Denn es zeigt sich, dass auch innerhalb einer geographischen Region viele unterschiedliche Arten von Feminismus existieren. In Amerika zum Beispiel haben sich schwarze Frauen von den weißen klassischen Feministinnen abgegrenzt, indem sie sich »Womanists« nennten, es gibt eigene feministische Strömungen der native americans, der Latinas, der asian americans usw., also alles was unter dem Begriff der »postcolonial studies« firmiert.

Ähnlich kann man auch in anderen Kontinenten vorgehen. Was in den USA der Rassismusdiskurs ist, das ist zum Beispiel in Europa der Klassendiskurs. So spielten die Konflikte zwischen bürgerlichen Frauenrechtlerinnen und Sozialistinnen bereits im 19. Jahrhundert eine sehr große Rolle. Und heute sind wir wieder zunehmend mit der »Klassenfrage« konfrontiert, wenn z.B. feministische Forderungen wie das Elterngeld faktisch bedeuten, dass arme Familien weniger Geld haben als früher. Unter dieser Perspektive könnte man auch die Debatten über das unterschiedliche Lohnniveau zwischen Frauen und Männern kritisch beleuchten, es ist zwar heute in der Tat statistisch so, dass Männer 30% mehr verdienen als Frauen, aber dies sagt eben nicht viel über den Einzelfall aus. In der Computerbranche zum Beispiel verdienen Frauen sogar mehr als Männer. Man muss also sehr genau hinschauen, um welche soziale Gruppe es sich handelt, und es ist heute einfach nicht mehr wahr, dass Frauen qua Geschlecht benachteiligt sind, oder zumindest sind die sozialen Unterschiede zwischen Armen und Reichen deutlich wichtiger als die zwischen Frauen und Männern. Andere Diskrepanzen gibt es zum Beispiel zwischen westlichen Feministinnen und muslimischen Feministinnen über die Frage, ob der Islam grundsätzlich frauenfeindlich sei oder nicht. Das heißt, in fast allen Ländern gibt es unterschiedliche Gruppen von Feministinnen, die je nach ihrer kulturellen, religiösen, ethnischen Zugehörigkeit unterschiedliche Anliegen haben, die häufig auch miteinander in Konflikt sind.“

Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt über die historische Entwicklung der Frauenbewegung einen guten Überblick:

Frauenbewegung

Wichtige rechtliche Stationen zur Emanzipation in Deutschland

Wesentliche rechtliche Schritte der Gleichberechtigung der Frau sind auch in Deutschland zum Teil erst im 20. Jahrhundert erfolgt.

  • 1754 wird Dorothea Erxleben aufgrund einer königlich angeordneten Ausnahme als erste Frau – in Medizin – promoviert.
  • Ab 1896 werden Frauen als Gasthörerinnen an Universitäten in Preußen zugelassen.
  • 1900 erlaubt das erste deutsche Land – das Großherzogtum Baden – das Frauenstudium uneingeschränkt.
  • 1918 wird das Frauenwahlrecht gewährt (die erste Reichstagswahl mit Frauenwahlrecht findet 1919 statt).
  • 1949 wird die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in das Grundgesetz aufgenommen.
  • 1954 wird das Beschäftigungsverbot verheirateter Frauen im öffentlichen Dienst aufgehoben.
  • 1958 tritt das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft.
  • Ebenfalls 1958 wird das Lehrerinnenzölibat aufgehoben.
  • 1958 wird nach einem Bundesverfassungsgerichtsurteil das Ehegattensplitting anstelle der steuerlichen Gesamtveranlagung eingeführt.
  • 1959 entscheidet das Bundesverfassungsgericht, dass die ins Gleichberechtigungsgesetz übernommene Regelung des Gehorsamsparagraphen nichtig ist.
  • Ab den späten 1950ern wird schrittweise die Koedukation eingeführt (seit 1945 in der Deutschen Demokratischen Republik).
  • 1974 bis 1976 wird durch Novellierung des Paragraph 218 die Abtreibung erleichtert. Die zunächst beschlossene Fristenlösung (Abtreibung während der ersten drei Monate straffrei) wird vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt und deshalb durch das Indikationenmodell ersetzt (Abtreibung nur bei Vergewaltigung, Gefährdung des Lebens der Mutter, drohender Behinderung des Kindes sowie soziale Notlage zulässig).
  • Ebenfalls 1976 wird die Gleichberechtigung bei finanziellen Angelegenheiten in der Ehe jenseits der Schlüsselgewalt eingeführt.
  • Ebenfalls 1976 wird es möglich, den Namen der Frau als Familienname zu wählen.
  • 1991 verwirft das Bundesverfassungsgericht den Grundsatz, dass der Nachname des Mannes Ehename wird, wenn das Paar sich nicht auf einen Nachnamen einigt.
  • 1992 wird beim Schwangerschaftsabbruch erneut eine Fristenlösung eingeführt, dieses Mal aber mit Beratungspflicht. Dieses Modell wird vom Bundesverfassungsgericht gebilligt.
  • Ab 1997 ist die Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar, wird allerdings nur auf Antrag verfolgt. 2004 wird daraus ein Offizialdelikt, das von Amts wegen verfolgt wird. (aus: Wikipedia)

Kleines Lexikon der Frauenbewegung von

A wie „Abtreibung“ bis X wie „Xanthippe“ (von Antje Schrupp)