Lesetipp: Alice Hasters, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten“

„Ein Diskurs über Rassismus lohnt sich nicht, wenn Menschen nur das Ziel haben, ihren eigenen Hintern vor Vorwürfen zu retten. Wer Rassismus bekämpfen will, muss Veränderung befürworten – und die fängt bei einem selbst an.“

Alice Hasters

Alice Hasters ist eine in Köln aufgewachsene Schwarze Frau. Genau genommen bezeichnet sie sich selbst als „mixed“, ein Elternteil Schwarz, ein Elternteil weiß. Sie schreibt in Ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten“ über die rassistischen Strukturen, die in der (deutschen) weißenGesellschaft leider immer noch stark wirken und viele Menschen ausschließen. Sie schildert die täglichen rassistischen Mikroaggressionen, vermeintlich kleine, vielleicht oft auch unbewusste oder nicht „böse“ gemeinte rassistische Bemerkungen, Situationen, Nachfragen; „kleine Mückenstiche“, wie Hasters sie nennt. „Kaum sichtbar, im Einzelnen auszuhalten, doch in schierer Summe wird der Schmerz unerträglich.“ (S. 17) Anhand ihrer eigenen Biografie und in teils sehr persönlichen Erlebnissen legt Hasters die Dimensionen offen, die Rassismus entfaltet und welche Einschränkungen und Verletzungen damit für die Betroffenen einhergehen. In den Kapiteln „Alltag“, „Schule“, „Körper“, „Liebe“ und „Familie“ führt Hasters durch alltägliche rassistische Situationen und deckt dabei gleichzeitig auch den dahinter liegenden strukturellen Rassismus auf, auf dem viele dieser vermeintlich harmlosen Situationen im Alltag basieren. Denn das ist für mich die Stärke des Buches: Alltagssituationen, die Hasters erlebt, bilden den Ausgangspunkt, um in das weite Feld Rassismus einzuführen. Fast schon nebenbei erklärt sie wichtige Begriffe oder weist auf bedeutende historische Ereignisse hin. Wir (weiße, nicht-wissende Personen) lernen, was strukturelle Benachteiligung ist, was Othering, Reclaiming und White Supermarcy meinen. Wir hören dazu die Stimmen der Schriftstellerin und Aktivistin Nikki Giovanni oder die der ersten Schwarzen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus Shirley Chisholm, erfahren etwas über den Biafra-Krieg und seine Auswirkungen auf die heute westliche Sicht auf den afrikanischen Kontinent.

Hasters erklärt sehr anschaulich und mit einer großen Geduld wie rassistische Strukturen wirken und auch wie sie zum Beispiel mit Sexismus oder Homophobie zusammen fallen und so mehrdimensionale Diskriminierungen entstehen. Sie zeigt genauso auf mit welchen rassistischen Narrativen Schwarze Frauen beziehungsweise Women of Colour sexualisiert werden, erklärt auch warum es kein Rassismus ist, wenn weiße Menschen in nicht-weißen Teilen der Welt Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Hautfarbe erhalten und warum es definitiv rassistisch ist einem nicht näher bekannten Menschen ungefragt in die (krausen oder nicht krausen) Haare zu fassen.

Hasters geht ebenfalls den Spuren unserer heutigen rassistischen Strukturen in Deutschland auf den Grund und verdeutlicht, dass diese unter anderem in der Zeit der Aufklärung durch verschiedene Gelehrte geprägt wurden – durch Kant oder Hegel zum Beispiel, die alle rassistisches Gedankengut in ihren Texten hatten. Oder durch Johann Friedrich Blumenbach, auf den die heutigen „Farbgebungen“ für die vermeintlich verschiedenen „Menschenrassen“ zurückgehen – ich werde sie hier nicht nennen, es bedarf keiner Reproduktion. Zugleich zeigt sie damit auch, wie diese Jahrhunderte alten rassistischen Strukturen und Gedanken noch heute in unserem Alltag wirken.

Vieles, was Hasters schildert, ist schon seit langem und immer wieder gesagt worden, hier in Deutschland zum Beispiel von Noah Sow, Natasha A. Kelly oder Anne Chebu. Diese und andere Autor*innen zeigen, wie wichtig es ist, immer wieder auf Rassismus hinzuweisen, diesen zu thematisieren und – vor allem – laut auszusprechen, was los ist und falsch läuft.Dieses Buch sollten alle weißen, privilegierten Menschen lesen – ebenso wie die Bücher der im vorangegangenen Absatz genannten Autor*innen. Sie können dabei nur an Einsicht und Erkenntnis gewinnen.

„Sich mit der eigenen Identität und Rassismus auseinanderzusetzen, ist viel Arbeit, ist teilweise schmerzhaft und braucht Zeit. Soweit ich das bisher beurteilen kann, kann ich diesen Prozess aber nur empfehlen. So anstrengend und angsteinflößend er am Anfang auch scheinen mag – er macht glücklich. Und frei.“

Alice Hasters

Hasters, Alice: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten, hanserblau, 2020, 223 S. 17,00 €
(Link zur Verlagsseite)

Ausleihbar in unserer Bibliothek unter der Signatur Acd 82!

Ojdana Triplat
Die Verfasserin der Rezension ist eine weiße, in (West-)Deutschland aufgewachsene Cis-Frau mit Migrationshintergrund.

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