Lesetipp: Jacqueline Harpman,„Ich, die ich Männer nicht kannte“

Der Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist geschrieben von der belgischen Schriftstellerin Jacqueline Harmpan und bereits 1995 auf Französisch erschienen. Harpman selbst war Jahrgang 1929 und verstarb 2012. 30 Jahre nach der französischen Erstveröffentlichung ist er 2025 nun in einer Neuübersetzung von Klett-Cotta herausgebracht worden.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der namenlosen Protagonistin erzählt und gliedert sich grob in drei unbetitelte Abschnitte, die ich selbst mit Gefangenschaft, Freiheit und Alleinsein überschreiben würde.

In einem Keller sind 40 Frauen in einem Käfig eingesperrt, der von männlichen unpersönlichen Wächtern bewacht wird. Die Frauen sind zu Beginn der Geschichte bereits ca. 12 Jahre in dieser Gefangenschaft. Die Besonderheit dieser Gruppe ist die Erzählerin. Sie ist als einzige als Kleinkind in den Käfig gekommen und kann sich nicht an die „alte Welt“ erinnern, die unserer Welt der 1990er Jahre zu entsprechen scheint. Sie hat somit keinen Vergleich zu der Welt des Käfigs, in dem sie aufwächst. Hier gibt es einen festen Tagesablauf: schlafen, Essen zubereiten und zu sich nehmen, Freizeit, schlafen. Dieser Ablauf folgt einem für die Frauen völlig beliebigen Rhythmus. Zudem weiß keine von ihnen, wie und vor allem warum sie in diesem Käfig gelandet ist. Den Frauen ist es zwar erlaubt miteinander zu sprechen, sie dürfen sich jedoch nicht berühren und weder sich selbst noch gegenseitig schaden. Darüber wachen die Wächter. Sie bekommen das zum Leben Notwendigste und stehen unter ständiger Beobachtung. Alles wirkt willkürlich und absurd – unerklärlich aufgezwungener Alltagstrott, der auch für die Lesenden an keiner Stelle aufgeklärt wird.

So willkürlich wie der Tagesablauf der Frauen ist, nimmt auch die Geschichte eine plötzliche Wendung: Aus dem Nichts ertönen eines Tages Sirenen und die Wächter türmen und lassen die Kellertüren auf. Die Frauen können sich befreien, treffen an der Oberfläche jedoch auf keine (lebenden) Menschen und lassen sich als Gruppe nieder. Nachdem sie als einzige übrig bleibt, bricht die Erzählerin zu Expeditionen auf, in der Hoffnung, doch noch andere Überlebende zu finden. Dabei stößt sie auf Dinge, die sie bisher nur aus Erzählungen der anderen Frauen kennt: Bett, Badewanne, Spiegel …

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist eine auf den ersten Blick sehr ereignislose Story und vollkommen absurd. Sie lässt die Lesenden mit mehr Fragen als Erklärungen zurück. Nichts ergibt einen Sinn. Das viel Spannendere an diesem Buch sind für mich daher die verschiedenen Zwischentöne und Gedankenanstöße, die sich beim Lesen entfaltet haben. So stellte sich mir bei der gesamten Lektüre die Frage nach dem Sinn des Lebens und was ein sinnvolles Leben ausmacht und ausmachen kann. In der Gefangenschaft hielten die Frauen sich an ihren Alltagsroutinen fest, nach ihrer Befreiung gab es Hoffnung auf die Rückkehr in das alte Leben und auf Freiheit, das Schaffen eigener Strukturen, die Suche nach anderen Menschen. Nichts davon hat endgültige Befriedigung gegeben. Was ist also ein sinnvolles Leben? Was macht es sinnvoll und was braucht es dafür?

Das Buch wird als feministisch beworben. Die Frage, was genau daran feministisch sei, ließ mich etwas nachdenken. Letztlich kann ich sagen, dass der Blick der Protagonistin und Erzählerin hier für mich die Antwort ist. Sie hat durch ihre Sozialisation unter Frauen in einem Käfig keinen Bezug zu unseren gesellschaftlichen Konzepten von Schönheit und kann sich selbst darin nicht einordnen. Erst in ihrer letzten Lebensphase sieht sie sich zum Beispiel erstmals in einem Spiegel und weiß, wie sie aussieht. Die Sexualisierung von Körpern hat sie ebenfalls nie erlebt und erst in der Freiheit sieht sie erstmals einen nackten (toten) Körper, der nicht weiblich gelesen werden würde. Ihr bleiben diese Konzepte daher bis zum Schluss fremd und sie versteht viele Reaktionen der anderen Frauen nie wirklich. Was Harpmann damit schafft, ist es, im direkten Erleben zu begreifen, dass Vorstellungen, die wir für selbstverständlich halten, durch die Umstände entstehen, in denen wir aufgewachsen sind. Und das ist für mich eine der spannendsten Aspekte bei der Lektüre gewesen.

Ich empfehle das Buch durch und durch und auch, sich genug Zeit dafür zu nehmen (oder sogar, es mehrmals zu lesen) und sich auf die Töne zwischen den Zeilen einzulassen.

Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte, Klett-Cotta 2026, 214 Seiten, 24,00 Euro

In unserer Bibliothek ausleihbar unter der Signatur: R Har 8/1

Ojdana Tirplat

Das Buch wurde uns vom Verlag als Spende für unseren Bestand zur Verfügung gestellt.

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