Lesetipp: Amanda Lee Koe, „Sister Snake“

Basierend auf der chinesischen „Legende der weißen Schlange“ erzählt „Sister Snake“ von zwei Schwestern – Emerald und Su – die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Emerald ist unangepasst und lebenslustig. Sie ist offen bisexuell, lebt in New York mit ihrem schwulen Mitbewohner zusammen und kommt zu Beginn des Romans als Sugarbabe über die Runden. Su dagegen ist angepasst, achtet darauf, dass sie der Norm entspricht und hält sich an gesellschaftliche Regeln, um nicht aufzufallen. Sie lebt in Singapur und ist dort mit einem hochrangigen Politiker verheiratet.

Die beiden Frauen verbindet eine Geschichte, die viele hundert Jahre zurückreicht. Vor mehr als tausend Jahren waren sie beide Schlangen und lebten damals im China der Tang-Dynastie (800 n. Chr.). Durch ein Ritual der Selbstkultivierung wurden sie zu Tiergeistern, zu unsterblichen Wesen, die ihre Gestalt von Schlange zu Mensch und wieder zurück verwandeln können.

Über hunderte von Jahren wandeln sie so durch die Welt, mal gemeinsam, mal gehen sie getrennte Wege. Als Schwestern hängen sie aneinander, halten es jedoch nicht aus, lange zusammenzuleben. In Rückblenden wird erzählt, dass die beiden sich immer wieder gegenseitig Verletzungen zuziehen und sich nach mehreren Jahrzehnten wieder vergeben.

Vor diesem Hintergrund kommen sie im Heute wieder zusammen: Als Su über das Internet erfährt, dass Emerald als Schlange angeschossen wurde, holt sie sie zu sich nach Singapur. Dort geraten beide sofort wieder aneinander. Emerald kann nicht verstehen, dass ihre Schwester sich so dermaßen anpasst und ihr Schlangensein verdrängt. Sie kann den Ehemann nicht ausstehen, der „im Namen der Ordnung” gerade eine transphobe politische Aktion durchführt. Stattdessen freundet sie sich mit einer seiner Angestellten an und lernt dadurch mehr von Singapur kennen als dessen geschniegelte Seite. Su wiederum kann nicht nachvollziehen, dass Emerald sich und Su das Leben schwer macht. Sie hat panische Angst, entdeckt zu werden.

Als Su erfährt, dass sie schwanger ist und der Fötus kein Mensch, sondern eine Schlange ist, ist das für sie ein Wendepunkt. Das verändert alles für sie und sie überdenkt ihr Verhältnis zu sich selbst. Es ist ihr nicht mehr so wichtig, sich anzupassen und als Mensch durchzugehen oder die brave, perfekte Ehefrau zu sein. Die Beziehung zu ihrem Mann wird dadurch zunehmend schwierig – auch weil Grenzen überschritten werden.

Dabei wird sehr gut deutlich, was passiert, wenn in einem System die Bedürfnisse und Wünsche der Ehemänner Priorität vor denen der Ehefrauen haben.

Die Verbindung der beiden Schwestern wird dabei auf krasse Weise auf die Probe gestellt und es ist die Frage, ob ihre Beziehung noch zu retten ist. Die Ereignisse kulminieren in einem unglaublichen, filmreifen Finale. Ich habe die letzten 20-30 Seiten mit offenem Mund gelesen.

Die Charaktere sind oftmals sehr grob gezeichnet, recht stereotypisch. Auch die beiden Typen der Schwestern entsprechen einem Klischee. Aber überzeugend ist die Beziehung zwischen den beiden. Sie ist ein Tauziehen zwischen Abhängigkeit, Verletzungen, Hingabe, Streit.

Der Roman schafft, viele Themen zu vereinen – von patriarchaler Gewalt und körperliche Selbstbestimmung über Queerness und rassistische Diskriminierung bis hin zu weiblicher Solidarität – und verwebt sie auf eine subtile Art zu einer schönen Erzählung. Alles in allem eine absolute Leseempfehlung.

Amanda Lee Koe: Sister Snake, CulturBooks 2026, 325 Seiten, 24,00 Euro

In unserer Bibliothek ausleihbar unter der Signatur: R Koe 4/2

Inga Müller

Das Buch wurde uns vom Verlag kostenlos für unseren Bestand zur Verfügung gestellt.

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