Lesetipp: Baek Sehee, „Ich will sterben, …“

Die Autorin dieses Buches, Baek Sehee, war 10 Jahre lang wegen chronischer Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Währenddessen entschloss sie sich, ihre Therapiesitzungen aufzunehmen, um daraus ein Buch zu machen. Dieses ist 2018 in Südkorea, der Heimat der Autorin, erschienen und mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt worden, so auch 2023 ins Deutsche.

Das Buch gliedert sich in 15 Kapitel, inklusive Einführung, Anmerkung und Postskriptum. Die Hauptkapitel sind dialogisch aufgebaut, wie eine Therapiesitzung; eine Unterhaltung zwischen ihr und ihrem Therapeuten. Dabei widmet sich jedes Kapitel einem bestimmten Thema, wie mangelndem Selbstwertgefühl, der Fixierung auf das Aussehen oder den Nebenwirkungen von Medikamenten, um nur einige zu nennen. Ergänzt werden diese Dialoge am Ende fast jedes Kapitels mit dem Herausgreifen eines bestimmten Satzes, zu dem die Autorin dann noch einmal ihre Gedanken in Retrospektive zur Therapie beschreibt, in der sie auch ihre neu gewonnenen Erkenntnisse teilt.

Das Buch schließt mit einem Nachklapp ab, der aus kurzen Schreibsequenzen zu verschiedenen Themen, wie Romantik, Freundschaft, Tod etc. besteht, bei dem sich mir selbst leider kein Zusammenhang oder roter Faden erschloss, auch wenn die einzelnen kurzen Texte in sich interessant waren. In dieser Zusammenstellung findet sich zum Beispiel auch recht zusammenhanglos ein kurzes Statement des Therapeuten zum Buchprojekt, mit der Einsicht, dass ihn die Audioaufnahmen während der Therapiesitzungen gehemmt hätten. Ich finde, dies ist den Dialogen im Buch anzumerken, wirken sie an einigen Stellen doch etwas steif. Zudem sind einige Aussagen des Therapeuten zu Medikamenten- und Alkoholmissbrauch sind sehr kritisch einzuordnen, teilweise verharmlosen sie diese stark.

Irritierend fand ich zudem die Diagnosestellungen des Therapeuten gleich von Beginn der Erzählung an und dies zum Teil anhand eines vorab beantworteten Fragebogens. Das könnte daran liegen, dass leider nicht klar wird, ob die Therapiesitzungen in dem Buch jeweils eine Sitzung (wenn auch nur in Auszügen) abbilden, oder die Autorin aus verschieden Sitzungen, die einzelnen Kapitel thematisch passend zusammengeschrieben hat und/oder ob die Kapitel die Sitzungen in chronologischer Reihenfolge abbilden.

Was in dem Buch in jedem Fall deutlich wird, ist, dass der Heilungsweg aus einer psychischen Krankheit zäh, langwierig und anstrengend ist, gespickt mit vielen Rückfällen.

Der Texr ist ein sehr interessanter und offen-verletzlicher Einblick in die Gedankenwelt einer Person, die depressiv ist, Angst vor Ablehnung hat, in Teilen selbstzerstörerisch und selbsthassend agiert. Dass die Autorin dies so offen teilt, ist sehr mutig. Die Kapitel mit den Dialogen, fand ich bedingt durch die Thematik in Teilen auch recht anstrengend zu lesen. Allerdings wurde das Gesamtthema dieses Buches dadurch für mich auf einer anderen als der intellektuellen Ebene erfahrbar, was ich im Nachhinein sehr schätze.

Baek Se-Hee: Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch, Rowohlt 2023, 192 Seiten, 20 Euro

In unserer Bibliothek ausleihbar unter der Signatur: Ibd 25

Ojdana Triplat

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